Von der Gnadenlosigkeit der Anonymität

Von der Gnadenlosigkeit der Anonymität

Von der Gnadenlosigkeit der Anonymität

Mitte letzten Jahres bin ich ziemlich unbedarft und ohne große Erwartungen in das Abenteuer "Bloggen" gestartet. Heute bin ich sehr glücklich darüber, denn das Schreiben macht mir viel Spaß. Ich hätte es mir nicht träumen lassen, wie viel Freude es bereitet und wie bereichernd es ist, Kommentare und Feedback von den unterschiedlichsten Lesern zu den Artikeln zu erhalten.

Heute möchte ich Sie mal hinter die Kulissen schauen und lesen lassen und Ihnen von einer Nachricht berichten, die ich kürzlich bekam: Eine Dame, die zwei Monate zuvor meinen Artikel "Was wir vom Dschungelkönig Menderes in Sachen Kommunikation lernen können" gelesen hatte, wies mich darauf hin, dass es auf der Facebookseite von Menderes mittlerweile sehr wüst zuginge und dass Fotos, die ihn mit anderen Dschungelcampteilnehmern und anderen Promis zeigen, häufig mit Hasskommentaren gegen diese versehen würden. Nun gäbe es unter den Fans Diskussionen, ob von Seiten Menderes nicht die Hasstiraden über seine Kollegen gelöscht werden sollten, was bisher nicht passiere. Einige Fans würden aufgrund der Hasstiraden der Seite schon den Rücken zukehren. Die Dame fragte mich, ob ich nicht helfen könne. 

Sie können sich sicher meine ersten Gedanken dazu vorstellen: "Wie soll ich denn als Mediatorin da helfen?", "Ich bin ja keine Socialmediaspezialistin", usw. Dennoch beschäftigte mich das Thema und ich warf mal einen Blick auf die Seite - Und in der Tat, die Dame hatte nicht zuviel "versprochen"! Ich möchte die Begriffe, mit denen die Dschungelcampkollegen von Menderes dort betitelt werden, nicht wiederholen, aber ich kann sagen, dass sie voller Hass und Verachtung sind. Voller Staunen las ich die Kommentare und fragte mich, was Menschen dazu bringt, jemandem, den sie gar nicht kennen, einen solchen Hass entgegenzubringen. Warum baut jemand ein solches Feindbild gegen einen "Promi"auf? Natürlich ist mir klar, dass die Karrieren einiger dieser Prominenter davon leben, dass sie extrem polarisieren, aber dennoch: "Warum fallen die Urteile der Menschen so heftig aus?", "Sind die Promis eine Art Ventil für einen Hass, den die Menschen in sich tragen?", "Muss ein Prominenter, der so handelt und sich derart exponiert, nicht mit solchen Kommentaren rechnen?", "Was lösen die Kommentare beim jeweiligen Promi aus?". Fragen über Fragen...Wie ich als Mediatorin da weiterhelfen könnte, wusste ich jedoch immer noch nicht. 

Dann fiel mir in dem Zusammenhang eine Begebenheit ein, die sich einen Tag zuvor ereignet hatte: Eine Bekannte von mir hatte ihren Facebookaccount gesperrt bekommen, da er von einer anonymen Person als Fakeaccount gemeldet wurde. Natürlich ist es kein Fakeaccount, aber es muss jemand wissentlich das Gegenteil gemeldet haben, um ihr zu schaden, um sie zu ärgern - man weiß es nicht. Schon öfter hatte ich von solchen Vorgehensweisen gehört, ich finde, zu solchen Handlungen gehört jede Menge kriminelle Energie. 

Doch was hat das mit der Fanpage von Menderes zu tun? Was sowohl das Melden des "Fakeaccounts" als auch die Hasstiraden gemeinsam haben, ist das anonyme Handeln im Schutze des "Bildschirms". 

Doch nicht nur im Internet findet solch hasserfülltes Handeln im Schutze der Anonymität statt. Beispielsweise auch in Leserbriefen unserer Tageszeitung finde ich oft sehr vernichtende und verachtende Urteile bestimmten Personen gegenüber, die jeglichen Respekt vermissen lassen. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich ist beispielsweise unseren Politiker gegenüber oft Kritik angebracht, doch warum muss dies häufig in so menschenverachtender Form geschehen? Würden sich die Verfasser der Leserbriefe trauen, mit dem Politiker in dem Stil auch Auge in Auge zu sprechen? Ich glaube es nicht!

Aber um nochmal auf meine Frage zurückzukommen: "Wie kann ich als Mediatorin da helfen?". Im Prinzip vermutlich gar nicht. Dennoch ist es mir ein Bedürfnis, meine Gedanken zu dem Thema festzuhalten und damit vielleicht einen Beitrag zu leisten, dass etwas sorgsamer mit solchen Handlungen und Taten umgegangen wird. 

Mein Appell lautet daher: Wir sollten niemals vergessen, dass der Promi, Politiker oder auch Privatmann, über den wir schreiben ein Mensch mit Gefühlen ist, der, auch wenn wir ihn noch so furchtbar finden, eine gewisse Form des Respekts verdient hat. Ich möchte mich hier auch nicht zum Moralapostel aufschwingen, auch ich finde die Handlungen mancher Prominenter im Dschungelcamp äußerst fragwürdig - Kritik ist natürlich erlaubt, aber sie sollte nicht jeglichen Respekt vermissen lassen. 

Eine berechtigte Frage, die man sich stellen sollten, wenn Hass auf einen Prominenten verspürt, lautet "Warum ist das so? Warum hasse ich einen Mensch, den ich gar nicht kenne, der gar keine Rolle in meinem Leben spielt, so sehr? Ist es wirklich der Hass auf diesen Promi, der mich umtreibt, oder etwas anderes?".

Ein guter Richtwert ist auch, dass man im Internet keine Dinge tut und schreibt, die man demjenigen nicht auch persönlich ins Gesicht sagen würde. Wie schnell hat man etwas getippt und abgesendet, was man persönlich niemals über die Lippen bringen würde. 

Kennen Sie das nicht auch aus Streitigkeiten per Whats App oder per Sms? Wie schnell hat man etwas Verletzendes oder Heftiges abgesendet. Geht es Ihnen nicht manchmal auch so, dass Sie das dem Anderen niemals so hart ins Gesicht gesagt hätten? Auch dieses Beispiel zeigt wieder: Versteckt hinter dem Bildschirm oder dem Display sind wir oft gnadenlos mit unseren Mitmenschen.

So einfach geht das Absenden, schwupps und weg ist der Kommentar, die Nachricht - Das enttäuschte und verletzte Gesicht des Gegenübers bleibt uns dank der modernen Medien glücklicherweise erspart. Aber auch wenn wir die Reaktion des Anderen nicht direkt sehen, so ist da am anderen Ende der Leitung der Mensch, der das Geschriebene liest und mit entsprechenden Gefühlen reagiert - dies sollten wir nie vergessen und daher sorgsam tippen, schreiben und handeln. 

Kennen Sie auch solche Beispiele der Gnadenlosigkeit im Schutze des Displays oder Bildschirms? Auf Ihre Kommentare bin ich diesemal ganz besonders gespannt! :-)

Herzlichst,

Ihre Christina Wenz

 

 

 

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Kommentare (4)

  1. Ursula Wiesner:
    Mar 28, 2016 at 07:14 PM

    Hallo liebe Christina,
    danke für Deinen Artikel. Es ist wirklich erstaunlich, was Menschen sich im Internet trauen, wie Du schon schreibst, würden sie sich das in direktem Kontak auch trauen...? Ich habe in meiner Ausbildung zu psychologischen Beraterin einen sehr interessanten und wichtigen Aspekt gelernt. Wir sollen das Verhalten eines Menschen von seinem Wert als Menschen selbst trennen. Das bedeutet, wir dürfen Verhalten anderer kritisieren, dürfen es beschreiben in dem Sinne wie es uns betrifft, was es in uns auslöst, bei welchen Gefühlen wir ankommen, wo es uns trifft (ganz im Sinne von wertschätzender Kommunikation). Aber der Mensch selbst bleibt ein Mensch, er hat seinen Wert, Respekt verdient, darf als Mensch nicht abgewertet werden oder mit Hass überschüttet. Ich bin über das Verhalten solcher Menschen, die über andere ihren Hass ausschütten sehr enttäuscht und finde es schade, dass sie so etwas nötig haben. Im anderen den Menschen sehen und respektvoll miteinander umgehen, ist der Anfang für ein friedliches Miteinander. Ich wünsche uns allen, dass wir das nie vergessen.
    liebe Grüße
    Ursula

  2. Ralf:
    Mar 28, 2016 at 07:39 PM

    Seit 2013 blogge ich über Coaching Themen. Dadurch werde ich selber besser und lebe NLP. Meine Freunde fragen mich seit ich blogge auch nicht mehr, was ich in Coaching Ausbildungen überhaupt lernen würde.
    Ich selber habe nur schlechte Erfahrungen gemacht, wenn ich meine Artikel in den nicht ganz passenden Facebook oder Xing Gruppen geteilt habe. Da reagieren mittlerweile einige Moderatoren sehr empfindlich. Wahrscheinlich auch deshalb, weil es sehr sehr viele Coaching Blogger gibt, die nach Aufträgen suchen und ebenfalls ihre Artikel bewerben.
    Auf einem Blogger Event habe ich mich mit Näh-Bloggern angefreundet. Die erzählten mir von den Problemen, über Dawanda genähte Taschen zu verkaufen. Keiner würde dem anderen was gönnen. Und die Hausfrauen, die sich auf Dawanda rumtreiben, waeren wegen der zur Verfügung stehenden Zeit, am schlimmsten. Ich glaube einfach das social media hat sich soweit hochgeschaukelt, das keiner dem anderen etwas gönnt, nicht den Butter auf das Brot. Vor diesem Hintergrund kann man sich auch die Frage stellen, ob Onlinemarketing noch funktioniert. Ich selber merke, wie ich mich immer wenn ger auf Facebook rumtreibe. Die Zielgruppe von Reallity Soaps wie dem Dschungelcamp gönnen womöglich den Teilnehmern nicht die Gage, oder im Anschluss die Aufträge in der Werbe-und Medienlandschaft.

  3. Christina Wenz :
    Mar 28, 2016 at 07:40 PM

    Liebe Ursula, ich danke Dir von Herzen für Deinen wunderbaren und sehr wertvollen Kommentar! Ja, im anderen den Menschen sehen, das trifft es ganz genau! Danke! Liebe Grüße, Christina

  4. Christina Wenz :
    Mar 28, 2016 at 07:44 PM

    Lieber Ralf, herzlichen Dank für Deinen Kommentar, ich habe mich sehr darüber gefreut! Ich habe auch noch nicht so wirklich die Erklärung dafür, woher dieser "Hass" und das Verhalten stammt. Ja, vielleicht ist es Neid...Und aber auch wirklich der von Ursula beschriebene Aspekt, dass man den "Mensch dahinter" nicht mehr sieht? Beste Grüße, Christina


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Wer schreibt hier?

Mediation Christina Wenz

Christina Wenz ist Mediatorin, Konfliktcoach und Juristin. Nach langjähriger Tätigkeit im Notariat und in Führungspositionen an Universitäten ist sie in eigener Mediationskanzlei tätig. Sie hilft ihren Kunden dabei, sich aus schwierigen Konfliktsituationen zu befreien und damit wieder mehr Wohlbefinden und ein entspannteres Leben zu erlangen. Neben Mediation in der Familie und der Mediation in der Arbeitswelt ist ihr besonderes Steckenpferd die Mediation bei Streitfällen rund ums Tier.

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