Was ich während der Fußballweltmeisterschaft über Konflikte gelernt habe

Was ich während der Fußballweltmeisterschaft über Konflikte gelernt habe

Was ich während der Fußballweltmeisterschaft über Konflikte gelernt habe

Schon lange interessiere ich mich sehr für das Thema "Fußball". Während meiner Studienzeit hatte ich eine Dauerkarte für die Westkurve des 1. FC Kaiserslautern und fuhr auch oft auf Auswärtsspiele. Das hätten Sie jetzt nicht von einer Mediatorin gedacht, stimmt´s? ;-) Heute fehlt mir die Zeit dazu, andere Dinge sind wichtiger geworden. Bei Fussballwelt- oder Europameisterschaften lebt meine alte Fussballbegeisterung allerdings wieder sehr intensiv auf. Dann schaue ich möglichst jedes Spiel und bin voller Enthusiasmus dabei. 

Bei der letzten Fussballweltmeisterschaft wurde mir so nebenbei klar, dass ich in Sachen Konflikte und persönliche Weiterentwicklung doch noch etwas an mir arbeiten darf. Näheres dazu später.

Jetzt erstmal zu etwas anderem: Schon vor einiger Zeit rückte ein Thema, das viel mit Konflikten zu tun hat, in meinen Fokus, nämlich das vorschnelle Urteilen über Menschen und Situationen. Sowohl bei mir, als auch bei meinen Kunden fiel mir nämlich ein Muster auf, das Konflikte quasi im Eilflug herbeiführen kann. Ich denke, wir alle kennen das: Wir erleben eine Situation, führen ein Gespräch oder treffen eine Person und schon fällen wir blitzschnell ein Urteil. Schon innerhalb weniger Sekunden schießt es uns in den Kopf! Ruck zuck haben wir ein ganz konkretes Bild im Kopf, wie der andere ist und warum er sich so verhält wie er sich verhält.

Hierzu ein paar Beispiele: Wir winken dem neuen Nachbarn zu und er reagiert nicht? Oh, das ist bestimmt ein verschlossener und unfreundlicher Mensch! Eine Freundin meldet sich nicht mehr? Sie ist bestimmt beleidigt oder verärgert über irgendwas. Der neue Kollege lehnt das Angebot ab, mit der Abteilung abends noch etwas trinken zu gehen? Er ist bestimmt ein verschlossener Mensch oder er mag uns nicht. Alle tanzen auf der Party nur eine Frau nicht? Das ist bestimmt eine langweilige "Spaßbremse". Der Autofahrer neben mir lässt mich nicht rechts auf seine Spur abbiegen? So ein blöder Kerl, wo hat der denn seinen Führerschein gewonnen?! So könnte ich die Liste unendlich fortsetzen. Ich glaube, wir alle haben tagtäglich solche "Urteile" im Kopf.

Sie können sich sicher vorstellen und haben es vielleicht auch schon erlebt, dass durch solche Vorurteile dann auch schnell Konflikte entstehen können. Wer lässt sich schon gerne voreilig in die falsche Schublade stecken?

Ein weiterer Negativaspekt der Urteile ist, dass sie unschöne Gefühle bei uns hinterlassen. Wenn ich mich z.B. über den Autofahrer, der mich nicht die Spur wechseln lässt, ärgere und mir dabei noch ausmale, was für ein unfähiger Mensch da am Steuer des anderen Wagens sitzt, schaffe ich mir selbst Stress. Ich stresse mich also durch meinen eigenen Film im Kopf, der mit der Realität möglicherweise wenig zu tun hat. 

Das Problem bei diesen vorschnell gefällten Urteilen ist nämlich auch, dass wir ja nicht wissen, ob sie wahr sind. Vielleicht hat der Nachbar das Winken nicht gesehen, oder er hatte einen schlechten Tag. Vielleicht ist die Freundin krank und meldet sich deshalb nicht. Der neue Kollege und die Frau auf der Party haben vielleicht Sorgen und sind deshalb ausnahmsweise nicht in Feierstimmung und eigentlich total nett und aufgeschlossen. Der Autofahrer neben Ihnen war vielleicht in Gedanken und hat gar nicht bemerkt, dass Sie abbiegen wollen.

Haben Sie sich in dem von mir geschilderten Muster wiedererkannt? Geht es Ihnen auch manchmal so? Sind wir "Blitzverurteiler" deshalb jetzt schlechte oder unfähige Menschen? ;-) Oder sind wir gemein, weil wir den Anderen unrecht tun? Ich kann Sie beruhigen - Nein, das sind wir nicht! Ich denke, es ist ganz normal und natürlich, dass wir versuchen, Menschen und Situationen schnell einzuschätzen. Meiner Meinung nach geht es wirklich allen Menschen so. Vermutlich hat diese Fähigkeit, sich schnell Urteile bilden zu können, unseren Vorfahren z.B. auf der Jagd nach Säbelzahntiegern ja früher sogar häufiger das Leben gerettet ;-). 

Es ist also normal, dass wir tagtäglich blitzschnell Urteile über Situationen und Menschen fällen. Was wir aber in der Hand haben ist, wie wir mit unseren Urteilen umgehen. Nehmen wir sie für bahre Münze und halten wir unumstößlich daran fest, werden sie uns wohl in den ein oder anderen Konflikt leiten, oder zumindest regelmäßig Stress und Ärger in uns herbeiführen.  

Wenn wir jedoch unser Bewusstsein schulen und darauf achten, wann wir im Alltag gerade wieder blitzartig urteilen, können wir ganz schnell den Gegencheck machen: Wir können uns fragen, ob wir sicher wissen, dass es wahr ist, was wir da gerade denken, oder ob wir dabei sind, den Anderen vorschnell in eine Schubade zu stecken, ohne ausreichend Hintergrundinformationen zu haben. Oft ist es ja gar nicht erforderlich, sich schnell eine Meinung zu bilden. Wir können ja z.B. erst einmal in Ruhe abwarten, ob sich der Nachbar nicht doch als nett herausstellt, ehe wir innerlich allzu sehr mit ihm ins Gericht ziehen.

Ich plädiere daher dafür, die Urteile einfach neutral zur Kenntnis zu nehmen und den Gedanken, der uns da durch den Kopf schießt, einfach zu beobachten und vorbeiziehen zu lassen - unser Blitzurteil einfach mal nicht so ernst nehmen. Wir haben es selbst in der Hand, ob wir den Gedanken mit Emotionen füllen und uns über den Nachbarn, den Kollegen oder den Autofahrer ärgern und ereifern oder ob wir unser inneres Urteil einfach zur Kenntnis nehmen und cool bleiben. 

Wichtig ist hierbei immer, in Erwägung zu ziehen, dass wir mit unserer Meinung möglicherweise falsch liegen. Meistens lässt sich ein Mensch oder eine Situation einfach nicht so übereilt einschätzen. Vielleicht fallen Ihnen ja auch mit der Zeit ein paar Alternativideen ein, warum der Andere sich wohl jetzt gerade so verhält? Ohne den Anderen zu fragen, werden wir auf jeden Fall immer nur mutmaßen können. Wenn Ihnen der Andere nahe genug steht, könnten Sie ja auch mal näher nachfragen, um zu erfahren, ob Sie mit Ihrem Urteil richtig liegen.

Mir geht es mittlerweile so, dass ich oft sogar innerlich über mich schmunzeln muss, wenn gerade mal wieder so ein schneller "Verurteilungsgedanke" aufkommt. Ich finde, die eigenen Unzulänglichkeiten auch mal mit Humor zu sehen, nimmt Situationen oft herrlich die Schärfe. :-)

Tja und bis zur Fussballweltmeisterschaft dachte ich, ich hätte das mit dem "Vorverurteilen" auch ganz gut "im Griff". Videobeweis und Zeitlupe haben mich dann eines Besseren belehrt ;-). Regelmäßig - natürlich insbesondere bei Spielen der Deutschen Nationalmannchaft - regte ich mich lauthals über Foulsituationen bzw. angebliche Schwalben auf. Wie oft rief ich -im Chor mit dem Kommentator - "Hey, das war doch ein Foul, wo bleibt denn die Karte?" oder "Schwaaaaaaalbe! Das war ganz klar eine Schwalbe!" Hochemotional regte ich mich in der Situation auf und ereiferte mich lautstark, um dann durch den Videobeweis bzw. Zeitlupe zu erfahren, dass die Situation dann doch nicht so eindeutig war, wie ich sie gesehen hatte. Manchmal lag ich auch komplett falsch und das, was ich z.B. als Schwalbe eingeschätzt hatte, stellte sich als übles Foul heraus. 

Hier wurde mir dann regelmäßig beim Fußballschauen - wenn auch natürlich mit viel Augenzwinkern - bewußt: Ich muss wohl doch noch etwas an dem Thema der vorschnellen Urteile arbeiten und auch dann, wenn ich felsenfest daran glaube, mit meinem Blitzurteil richtig zu liegen, doch vielleicht in Erwägung ziehen, dass ein Videobeweis in der Situation möglicherweise meine Meinung umwerfen könnte. ;-) Was sich hier beim Fußballschauen gezeigt hat, kann auch sehr gut auf das alltägliche Leben übertragen werden, finde ich! Also im Zweifel nicht direkt im Zustand des vorschnellen Verurteilens loszetern, sondern erstmal abwarten, wie die Situation wirklich ist ;-)!

Wie denken Sie über das Thema? Ertappen Sie sich auch manchmal dabei, wie Sie sich vorschnelle Meinungen über Andere bilden? Hat Ihnen der Beitrag gefallen? Über Kommentare und Anregungen unter diesem Blogartikel freue ich mich wie immer sehr!

Herzlichst,

Ihre Christina Wenz

 

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Kommentare (8)

  1. Eva:
    Nov 29, 2018 at 02:16 PM

    Liebe Christina,
    Ein herrlicher Artikel! Ich habe mich auch erkannt... gerade das Autofahren ist wirklich ein Paradebeispiel für vorschnelle emotional geladene Urteile. Gerade gestern hörte ich wieder einige hupkonzerte auf den Straßen. Aber ob der Videobeweis tatsächlich immer recht hat, bezweifle ich als begeisterter Fußballfan natürlich:-)
    Liebe Grüße
    Eva

  2. Christina Wenz:
    Nov 29, 2018 at 03:00 PM

    Liebe Eva, ich danke Dir für Deinen Kommentar, ich habe mich riesig darüber gefreut! Es ist immer so schön, als Blogger positives Feedback zu bekommen! :-) Stimmt, da sprichst Du was Wahres aus, der Videobeweis ist auch nicht immer so verlässlich ;-) Liebe Grüße, Christina

  3. Sandra:
    Dec 03, 2018 at 09:29 AM

    Liebe Nina!! Wie wahr, wie wahr!!!! Man lebt tatsächlich stressfreier, wenn man nicht auf seine eigenen „ kleinen Filme“ hört und dem Anderen auch mal mit positiven Gedanken begegnet!!
    Klasse Artikel!!!!

  4. Christina Wenz:
    Dec 03, 2018 at 10:31 AM

    Liebe Sandra, ich danke Dir für Deinen Kommentar und das tolle Kompliment! Ich hab mich riesig darüber gefreut :-)! Ich glaube auch, bei dem Thema kann man sich ganz viel Stress ersparen! Ganz liebe Grüße, Christina

  5. Samantha:
    Dec 03, 2018 at 03:41 PM

    "Es gibt meine Wahrheit, es gibt deine Wahrheit, und es gibt die Geschichte, wie sie - vielleicht - passiert ist (und wahrscheinlch noch viel mehr Ebenen)", daran erinnert mich der Artikel. Also durchaus das eigene Kopfkino als Komödie betrachten, mit Hilfe von Schulterzucken gleich Schultergymnastik betreiben und sich tatsächlich an Byron Katies Satz "Kannst Du Dir absolut sicher sein, dass das wahr ist?" wieder erinnern.
    Danke für die Erinnerung!

  6. Christina Wenz:
    Dec 03, 2018 at 10:36 PM

    ICH habe DIR zu danken, liebe Samantha...Für Deinen wertschätzenden Kommentar und die tollen und inspirierenden Ergänzungen! Ich habe mich riesig darüber gefreut! :-) Mit den besten Wünschen, Christina

  7. Barbara:
    Dec 09, 2018 at 12:19 PM

    Danke für das Erinnern an mein oder unser Kopfkino, das doch meist nur meine Sicht der Dinge zeigt. Das Leben wird um so vieles leichter, wenn ich erst mal hinterfrage, was es denn sonst noch für Gründe für das Verhalten meiner Mitmenschen gibt, an die ich im ersten Moment oft nicht denke.
    schöne Adventszeit, Barbara

  8. Christina Wenz:
    Dec 09, 2018 at 01:14 PM

    Liebe Barbara, ich freue mich riesig über Deinen wertschätzenden Kommentar! Vielen Dank :-)! Ich wünsche Dir auch eine wunderbare Adventszeit! Liebe Grüße, Christina


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Wer schreibt hier?

Mediation Christina Wenz

Christina Wenz ist Mediatorin, Konfliktcoach und Juristin. Nach langjähriger Tätigkeit im Notariat und in Führungspositionen an Universitäten ist sie in eigener Mediationskanzlei tätig. Sie hilft ihren Kunden dabei, sich aus schwierigen Konfliktsituationen zu befreien und damit wieder mehr Wohlbefinden und ein entspannteres Leben zu erlangen. Neben Mediation in der Familie und der Mediation in der Arbeitswelt ist ihr besonderes Steckenpferd die Mediation bei Streitfällen rund ums Tier.

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