Friedlich erben - So geht´s!

Friedlich erben - So geht´s!

Friedlich erben - So geht´s! 

Während meiner Ausbildung zur Mediatorin machten wir häufig Rollenspiele bei denen wir Mediationssitzungen nachspielen mussten. Ich mochte diese Übung nicht besonders gerne - zumindest nicht, wenn ich die Rolle des Mediators verlassen und in die Rolle der Streitenden schlüpfen musste. Nicht, weil ich ein Problem mit dem Streiten an sich habe, sondern weil ich die Emotionen der Streitenden so gut nachvollziehen konnte und die Situation häufig als wirklich emotionsgeladen und unangenehm empfunden habe. 

So erinnere ich mich an das allererste Rollenspiel im Grundlagenseminar. Ich musste mich mit meinem "Bruder" um eine Kommode streiten, die wir beide aus dem Erbe unserer verstorbenen Mutter gerne bekommen hätten. Ruck zuck war ich in meinem Element und wollte die Kommode nicht hergeben, da ich -in meiner Rolle- so stark an ihr hing. Mein Kollege und ich lieferten uns einen heftigen Schlagabtausch und waren beide richtig erleichtert, als wir aufhören und in die Rolle des Mediators schlüpfen durften. Wenn wir uns später bei Seminaren trafen, kamen wir häufig auf unseren "Kommodenstreit" zu sprechen und mussten im Nachhinein immer darüber lachen, wie stark wir uns schauspielerisch in die Rollen eingefunden hatten. 

So lange man eine solche Situation nur spielt, ist das Ganze nur kurzzeitig unangenehm, aber ich weiß von meinen Kunden, dass realer Streit ums Erbe unendlich zermürbend und belastend sein kann. Gerade wenn heftiger Streit in der Familie stattfindet, erschüttert uns das zutiefst, denn gerade in der Familie wünschen wir uns doch nichts mehr als Harmonie, Friede und angenommen zu werden. 

Wenn ein Familienmitglied stirbt, dann ist das ja schon an sich ein heftiger und schmerzhafter Einschnitt. Wenn dies dann dazu führt, dass die Familie im Streit auseinanderbricht, verlieren wir plötzlich einen großen Teil unserer Geborgenheit und Sicherheit. Häufig führt der Streit ums Erbe zu massiven körperlichen -aber auch psychischen- Beschwerden. 

Doch was kann man tun, um Streit ums Erbe zu verhindern? 

Das Beste ist natürlich, wenn die Eltern noch zu Lebzeiten ihren Nachlaß regeln und genau bestimmen, was welches Kind genau erhalten soll. Natürlich möchte man das Thema zu Lebzeiten so weit wie möglich von sich schieben und sich mit der eigenen Sterblichkeit möglichst gar nicht beschäftigen - Aber wenn man diese Themen nicht regelt, dann "bürdet" man seinen Kindern die Verteilung auf. Hierzu sind die Erben dann in der Situation des Verlustes und der Trauer manchmal gar nicht auf friedlichem Weg in der Lage. 

Ich kann daher nur den Rat aussprechen: Regeln Sie die Verteilung des Erbes noch zu Lebzeiten. Und wenn Sie merken, es gibt schnell Streit bei dem Thema, dann empfehle ich dringend, den Gang zum Mediator zu überdenken.

Ein Mediator schaut sich mit Ihnen und den Kindern genau an, was die Bedürfnisse der einzelnen Familienmitglieder sind und wie man ihnen in der Nachlassregelung gerecht werden kann. Auf diese Art mit der ganzen Familie eine friedliche Lösung zu Lebzeiten zu finden ist natürlich der Idealfall. 

Die Realität sieht jedoch leider häufig anders aus: Ein Elternteil ist bzw. die Eltern sind gestorben und eine testamentarische Regelung liegt nicht vor. Die Folge ist der Eintritt der gesetzlichen Erbfolge, nach der die Erben gewisse Anteile an dem Gesamtvermögen des Verstorbenen erben - Und dann geht meistens der Ärger los: Wie soll das Gesamtvermögen aufgeteilt werden? Wer bekommt das Haus? Wer bekommt welchen Schmuck, wer ein besonderes Möbelstück. Oft zerbrechen an der Frage der Verteilung des Erbes ganze Familiengefüge, ein dauerhafter und oft lebenslanger Kontaktabbruch ist die Folge. 

Häufig kommen einzelne Familienmitglieder zu mir, die sich eine Familienzusammenführung erhoffen. Aber so lange das nicht alle Beteiligten wollen, sind mir die Hände gebunden. 

Was können Sie also tun, um Streit zu verhindern, wenn es um die Verteilung des Erbes geht?

Zunächst empfehle ich Ihnen, Milde und Verständnis mit sich und dem Anderen zu haben. Sie und auch die anderen Familienmitglieder befinden sich nach dem Tod eines Familienmitglieds in einer absoluten Ausnahmesituation, in der meistens die Nerven total blank liegen. Seien Sie bitte nicht zu streng mit sich, aber auch mit Ihrem Gegenüber nicht, wenn mal ein falsches Wort fällt. Gerade jetzt ist Versöhnlichkeit und Zusammenhalt in der Familie wichtig. 

Gerade wenn es um Vermögenswerte geht, ist es auch verständlich, wenn Familienmitglieder mit einer besonderen -für Sie vielleicht befremdlichen- Ernsthafigkeit an das Thema der Verteilung heran gehen. In einer solchen Situation ist es nicht ungewöhnlich, dass man Angst hat, irreparable Fehler zu machen und schlechte Entscheidungen zu treffen, eventuell auch übervorteilt zu werden. Nehmen Sie dies nicht zu persönlich, dies ist meistens nicht böse gemeint, sondern geschieht vielmehr aus Unsicherheit und Angst.

Manchmal kann es Sinn machen, mit der Verteilung des Erbes einige Monate zu warten, damit man vorab gelernt hat, mit der durch den Tod entstandenen Situation umzugehen und die Trauer schon ein bisschen verarbeitet ist. Überfordern Sie sich daher bitte nicht, in dem Sie alles sofort regeln wollen: Oft hat man einfach erst nach einiger Zeit die Kraft, sich mit der Verteilung des Erbes zu befassen. 

Wenn es dann an die Verteilung geht, empfehle ich, dass die Familie sich zusammensetzt und jeder sagen darf, welche Gegenstände er gerne behalten würde. Hierbei ist wichtig, dass man nicht nur sagt, was, sondern auch warum man etwas gerne hätte. Teilen Sie den Anderen mit, warum Ihr Herz so sehr an einer bestimmten Sache hängt. Wenn etwa beide Kinder gerne den Sekretär hätten und dies einfach nur vehement kundtun, so ist es schwer eine Einigung zu finden. Wenn aber die Schwester erfährt, dass ihr Bruder als Kind immer gemeinsam mit dem verstorbenen Vater daran gesessen und dort von ihm das Schreiben gelernt hat und daher immer davon geträumt hat, das Möbelstück später mal zu bekommen, weil sein Herz sehr an dieser Erinerung hängt, hat sie vielleicht mehr Verständnis. Sinnvoll ist es dann natürlich, wenn die  Schwester sich im Gegenzug auch etwas aussuchen darf, woran ihr Herz ganz besonders hängt. 

Auch wenn Geschwister um das Haus der verstorbenen Eltern streiten, ist es wichtig, das sich jeder hinterfragt und dem Anderen auch mitteilt, warum es ihm so wichtig ist, es zu bekommen. So mag das Ganze bei dem Einen vielleicht finanzielle Hintergründe haben und bei dem Anderen steckt vielleicht der Wunsch, die Verbindung zur Vergangenheit und zu den eigenen Wurzeln nicht zu verlieren, dahinter. So kann man dann schauen, ob sich die Bedürfnisse des Einzelnen wirklich nur verwirklichen lassen, indem er tatsächlich das Haus erhält, oder ob es auch noch andere Lösungen gibt, die die Bedürfnisse erfüllen. 

Also vergessen Sie bitte nie: Einigungen lassen sich immer am Besten finden, wenn wir wissen, warum der andere so vehement an etwas festhält und was für ein Bedürfnis eigentlich dahinter steckt. Daher ist es wichtig, auch mal nachzufragen: "Warum genau ist Dir das so wichtig" und dies den Anderen umgekehrt natürlich auch mitzuteilen. 

Versuchen Sie bitte nicht aus den Augen zu verlieren, dass es bei allen Vermögenswerten kaum etwas Kostbareres als den Familienzusammenhalt gibt. Manchmal beißen wir uns im Streit regelrecht an einer Sache fest und beharren vehement auf einem Standpunkt. Häufig hilft es dann, inne zu halten und sich zu fragen, ob ein bestimmter Gegenstand es wirklich wert ist, das Verhältnis zu Familienmitgliedern dauerhaft aufs Spiel zu setzen. Ich möchte damit nicht sagen, dass Sie auf Dinge, die Ihnen wirklich wichtig sind, verzichten sollen und des lieben Frieden willens klein beigeben sollen! Vielmehr rate ich Ihnen, sich im Zweifel zu fragen sollten, ob das worum Sie gerade streiten, Ihnen wirklich so wichtig ist. Wenn ja, möchte ich nochmal dafür plädieren: Sagen Sie Ihrer Familie warum ihnen der Gegenstand so am Herzen liegt!

Bitte verzeihen Sie mir meinen dritten Tipp und bitte verstehen Sie ihn nicht als "Werbefloskel": Falls Sie merken, Sie stoßen ohne Hilfe an Ihre Grenzen und es findet sich einfach keine Einigung empfehle ich dringend das Hinzuziehen eines Profis bevor die Situation eskaliert. Auch wenn Sie das Gefühl haben, die Interessen sind so widersätzlich, dass es einfach keine Lösung geben kann, so gelingt es mithilfe von Mediation dennoch häufig gute Lösungen zu finden, mit denen alle Familienmitglieder gut leben können und somit den Familienfrieden zu bewahren. 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen - natürlich nicht nur im Erbfall - stets gute und friedliche Lösungen. 

Bitte erlauben Sie nun meine Frage: Wie sieht es denn in Ihrer Familie aus? Haben Sie schon Erfahrungen mit Streit ums Erbe gemacht? Oder ist es in Ihrer Familie bisher gelungen die Verteilung des Erbes friedlich zu regeln? Wenn ja, wie haben Sie das geschafft? Über Ihre Kommentare und Anregungen zu diesem Beitrag freue ich mich wie immer sehr! 

Herzlichst, 

Ihre Christina Wenz

  

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Kommentare (4)

  1. Eva:
    May 06, 2016 at 03:19 PM

    ein sehr gelungener Artikel , der alle Aspekte gut darstellt! Sehr lesenswert!

  2. Christina Wenz:
    May 06, 2016 at 03:25 PM

    Hallo Eva, herzlichen Dank für Deinen Kommentar und das tolle Kompliment -Ich freue mich! :-)! Beste Grüße, Christina

  3. Su Kempter:
    Aug 04, 2016 at 10:42 AM

    Was für ein seltsames zeitliches Zusammenspiel: in meinem Unternehmen haben wir plötzlich und unerwartet eine Kollegin verloren. Seitdem spukt mir das Thema Nachlass im Kopf herum und gerade lese ich hier so informativ davon. Vielen Dank, Christina!

  4. Christina Wenz:
    Aug 04, 2016 at 12:18 PM

    Liebe Su, ich danke Dir sehr für Deine Nachricht und möchte Dir und Deinen Kollegen mein allerherzlichstes Beileid aussprechen! Wie traurig, dass Eure Kollegin unerwartet verstorben ist! Derartige Ereignisse führen natürlich häufig dazu, dass einem solche Themen durch den Kopf gehen :-(. Es freut mich sehr, dass Dir mein Beitrag gefallen hat! Herzliche Grüße, Christina


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Wer schreibt hier??

Mediation Christina Wenz

Christina Wenz ist Mediatorin, Volljuristin und systemischer Coach. Nach langjähriger Tätigkeit im Notariat und in Führungspositionen an Universitäten ist sie in eigener Mediationskanzlei sowie als Coach tätig. Sie hilft ihren Kunden dabei, sich aus schwierigen Konflikt- und Lebenssituationen zu befreien und damit wieder mehr Wohlbefinden, Klarheit und ein entspannteres Leben zu erlangen.

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