Schluss mit dem Kampf gegen Wut, Verletztheit, Zorn und Co.

Schluss mit dem Kampf gegen Wut, Verletztheit, Zorn und Co.

Schluss mit dem Kampf gegen Wut, Verletztheit, Zorn und Co.

Kürzlich machte ich eine Umfrage unter meinen Lesern über deren Wunschthemen rund um das Thema Konflikte. Wer möchte, ist übrigens herzlich eingeladen noch teilzunehmen

Die Resonanz war großartig! Ich danke allen Teilnehmern von Herzen für ihre offenen und vertrauensvollen Angaben. Ich werde viele der Themen aufgreifen und darüber schreiben....Versprochen! :-)

Was mir bei der Umfrage auffiel, war Folgendes: Bei vielen Teilnehmern ging es darum, dass sie im Streit anders reagieren bzw. fühlen möchten als bisher. Viele wünschen sich, in Konflikten nicht wütend zu werden, sich bei Beleidigungen nicht angegriffen zu fühlen, im Streit cool zu bleiben usw.

Ich weiß, Sie wünschen sich von mir jetzt Strategien, wie das besser gelingt. Vielleicht schreibe ich auch irgendwann noch darüber, aber seit ich die Umfrageergebnisse gelesen habe, liegt mir ein ganz anderes Thema auf dem Herzen: Heute möchte ich darüber schreiben, warum es nicht immer die beste Strategie ist, Wut, Verletztheit, Zorn und Co. zu bekämpfen. Ich möchte eine Lanze brechen für diese uns oft so lästigen Gefühle! 

Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, mein Beitrag bezieht sich nicht auf Menschen, die Andere körperlich oder psychisch verletzen, die notorisch jähzornig sind und immer wieder mit den unterschiedlichsten Personen die gleichen Konflikte haben. Hier ist mit Sicherheit Selbstkritik begründet und auch angeraten, dagegen etwas zu tun - im Zweifel mit professioneller Hilfe. 

Ich möchte mit diesem Beitrag die "überselbstkritischen" Menschen ansprechen, die ihr Verhalten regelmäßig hinterfragen und sich selbst und ihre Reaktionen oft viel zu schnell verurteilen. Diesen Menschen möchte ich sagen: "Wenn Ihr Wut, Zorn, Verletztheit und Co. im Streit unterdrücken wollt, verlangt Ihr zu viel von Euch - und etwas, was Euch nicht gut tut!"

Kennen Sie das? Sie sind eigentlich ein friedlicher Mensch, aber in einer bestimmte Situation oder auch im Zusammensein mit einem bestimmten Menschen, geraten Sie immer wieder an Ihre Grenzen? Plötzlich sind Sie gar nicht mehr - wie gewohnt - friedlich: Sie toben und schimpfen, Sie reagieren zornig im Streit, Sie sind beleidigt, erheben das Wort, es wird lauter als gewollt und die Situation eskaliert.

Im Nachhinein können Sie Ihre eigene Reaktion dann gar nicht verstehen. Sie schämen sich und nehmen sich vor, beim nächsten Mal cool und friedlich zu bleiben. Und dann kommt es in der nächsten kritischen Situation doch wieder zur Eskalation.

Vielleicht ist es bei Ihnen die Schwiegermutter, die Ihre "Knöpfe drückt" oder auch der Partner in gewissen Situationen oder ein Bekannter - Ich denke, die meisten von uns kennen diese Konstellationen. 

Natürlich wäre es jetzt praktisch, es gäbe Tricks, um die Gefühle, die Wut, den Zorn und die Verletztheit in der entsprechenden Situation einfach wegzudrücken, ein Pokerface aufzusetzen und cool zu reagieren. Natürlich würden wir uns in der Situation dann souveräner fühlen, aber ich glaube nicht, dass uns dauerhaft geholfen wäre!

Ich denke, dass es in diesen Situationen ganz oft Sinn macht, auf sein Inneres zu hören. Wut, Zorn, Verletztheit und Co. sind nichts, was uns als Strafe und komplett ohne Sinn "auferlegt" ist.

Ich sehe diese Gefühle mittlerweile als Wegweiser und Ratgeber. Ich bin der Meinung, dass in den meisten Fällen unsere Gefühlswegweiser hervorragend funktionieren und wir ihnen nur mehr Vertrauen entgegenbringen müssten.

Ich glaube auch, dass es oft zu so heftigen Reaktionen kommt, weil wir nicht früher auf unsere Gefühle hören. Wir nehmen ein Verhalten hin, das eigentlich unsere Grenzen verletzt und äußern nicht frühzeitig unseren Unmut. Wir ignorieren die ungute Ahnung, die kleine Wut, drücken sie weg, so lange es geht und irgendwann wird der Wegweiser größer und wir sind mit einer großen Wut konfroniert - und wundern uns dann, wo diese heftige Emotion "so plötzlich" herkommt.

Die Mentalität, möglichst wenige der "negativen" Emotionen zu fühlen - je cooler wir in jeglicher Situation reagieren, desto besser - ist meiner Meinung nach keine gute Einstellung. 

Ich habe in der Vergangenheit festgestellt, dass in Situationen, in denen ich Gefühle wie Zorn, Mißtrauen und Verletztheit wegdrücken, nicht sehen und ignorieren wollte, diese durchaus angebracht gewesen wären. Ich wollte mein Gefühl, meine Reaktionen nicht spüren, weil sie mir lästig und unbequem waren. Im Nachhinein weiß ich, sie hatten ihre Berechtigung und es hätte mir besser getan, darauf zu hören. Daher ist es mein großer Vorsatz seit einiger Zeit, immer mehr zu lernen, auf diese Gefühle wirklich zu hören und ihnen wirklich zu vertrauen. Je länger wir nicht auf die Gefühle hören, desto heftiger fallen ansonsten die "unliebsamen" Emotionen aus. 

Ich weiß, viele von Ihnen erwarten gerade von mir als Mediatorin, dass ich Strategien weiß und empfehle, wie man Streitigkeiten möglichst gelassen und cool lösen kann, aber ich habe auch bei Mediationen die Erfahrung gemacht, dass das Unterdrücken des eigenen Ichs, der Emotionen, nicht weiterhilft und keine Zufriedenheit schafft. Auch in einem Mediationsverfahren ist es besser, mit dem herauszubrechen, was einen bedrückt, was einen wütend macht, ärgert, was man sich wünscht usw. Nur dann kann ich als Mediatorin dabei helfen, eine Lösung zu finden, die dauerhafte Zufriedenheit bringt. Übertriebene Selbstbeherrschung ist auch hier fehl am Platz!

Mir ist auch bewusst, dass es heutzutage die spirituelle Sicht gibt, dass in diesen "schwierigen Konstellationen" eine Lernaufgabe steckt und dass wir die Situation durchstehen und lösen müssen, weil uns das gleiche Problem ansonsten in anderer Form wieder begegnet usw. Ich halte diese Sicht stellenweise für gefährlich, weil sie uns dazu verleitet, Situationen länger auszuhalten als es gut für uns ist. 

Mein Lösungsansatz für die Situationen, in denen die großen "unliebsamen" Gefühle anrollen, ist ein anderer: Ich plädiere dafür, die Gefühle positiv anzunehmen und nicht direkt wegdrücken zu wollen. Bitte vergessen Sie nicht: Sie wollen uns etwas sagen! Und wenn wir frühzeitig auf sie hören, müssen sie nicht irgendwann in voller Hefigkeit zu uns sprechen.

Unter "auf sie hören" verstehe ich, frühzeitig zu sagen was uns bewegt, frühzeitig unserer Verletztheit oder unserem Ärger Ausdruck zu verleihen und auch im Zweifel einen Kontakt abzubrechen, der uns dauerhaft nicht gut tut.....Aber bitte versuchen Sie die Gefühle nicht zu unterdrücken! Ich kann nur nochmal wiederholen: Wir sollten beginnen, unsere Emotionen als wohlwollende Wegweiser zu sehen und ihnen zu vertrauen! 

Wie ist Ihre Einstellung zu Wut, Ärger und Co? Ich freue mich auf Ihre Kommentare und Anregungen unter diesem Beitrag! 

Herzlichst, 

Ihre Christina Wenz

 

Melden Sie sich zu meinem Newsletter an und erhalten Sie ca. einmal im Monat Tipps, Inspirationen und Angebote zu den Themen Konflikte, Kommunikation und Mediation. Selbstverständlich können Sie sich jederzeit mit nur einem Klick von diesem Newsletter wieder abmelden.

Newsletteranmeldung

Bei mir sind Ihre Daten sicher. Weitere Informationen finden Sie in der Datenschutzerklärung

Kommentare (10)

  1. Axel:
    May 06, 2016 at 03:19 PM

    Hallo Christina,

    ich stimme dir voll und ganz zu in deiner Aussage. Emotionen und Gefühle nicht ernst zu nehmen, rächt sich früher oder später. Dann reicht der berühmte Tropfen ins Fass. Und das gegenüber wundert sich zurecht, warum wir bei so einer Kleinigkeit explodieren.

    Hier helfen Achtsamkeit und Klarheit sich selbst gegenüber. Von Anfang an.

    Habe ich ein schlechtes Bauchgefühl, sollte ich das ernst nehmen. Was steckt dahinter? Was fehlt mir? Was brauche ich?

    Dann sollte ich meinem Gegenüber frühzeitig - also immer - klar kommunizieren, welche Grenze er bei mir überschritten hat bzw. was bei mir ausgelöst wurde. Dabei ist wichtig, wohlwollend zu bleiben. Ganz oft hat der andere eine Grenze bei dir überschritten, ohne es zu merken und zu wollen. Er ist letztlich dankbar für deinen Hinweis und deine Klarheit.

    Viele liebe Grüße

    Axel

  2. Christina Wenz:
    May 06, 2016 at 03:23 PM

    Hallo Axel, herzlichen Dank für Deinen wertvollen Kommentar und Deine guten Ergänzungen. Ich habe mich sehr darüber gefreut! :-) Ein wichtiger Aspekt ist wirklich auch, dass ich dem Anderen ja auch die Chance raube, zu reagieren, wenn ich meinen Unmut nicht kundtue, wie ich finde! Beste Grüße, Christina

  3. Ulline:
    May 06, 2016 at 09:59 PM

    Danke Christina,
    mir hilft dein Artikel, mir zu erlauben, mein "ungutes" Gefühl ernstzunehmen. Ich habe oft nicht raus, woher es rührt und dann wische ich es weg, weil ich keine Erklärung dafür finde. Einem "guten" Gefühl vertraue ich komischerweise eher ...
    Herzliche Grüße Ulli

  4. Christina Wenz:
    May 06, 2016 at 10:04 PM

    Liebe Ulli, ich freue mich riesig über Deinen Kommentar und darüber, dass Du meinen Beitrag hilfreich findest! Herzlichen Dank für die tolle Rückmeldung. Ja, ich kenne das gut, ich glaube, die meistens von uns haben eher die Tendenz, die als negativ bekannten Gefühle wegdrücken zu wollen. Dabei sind auch sie keine "Feinde", sondern durchaus hilfreich, auch wenn es manchmal etwas dauert, bis wir durchschauen, was sie uns sagen wollen! Liebe Grüße, Christina

  5. Lydia:
    May 10, 2016 at 08:08 AM

    Liebe Christina,,

    wieder ein sehr schöner Artikel von dir!
    Verdrängen und unterdrücken hat noch nie was gebracht, weil es dann meist zu noch ungünstigerer Zeit mit aller Macht an die Oberfläche drängt ;)
    Und doch ist es echt Übungssache, gerade für die, die mit großem Wert für Angepasstheit und Wohlerzogenheit erzogen wurden!
    Der Perspektivwechsel weg vom Problem hin zum Lernfeld ist der erste Schritt.

    Danke für deine Beiträge und liebe Grüße
    Lydia

  6. Christina Wenz:
    May 10, 2016 at 01:50 PM

    Liebe Lydia, ich danke Dir von Herzen für Deinen Kommentar und das tolle Kompliment :-)! Ja, das Annehmen der Gefühle ist oft gar nicht so leicht, aber es lohnt sich! Liebe Grüße, Christina

  7. Markus:
    May 12, 2016 at 04:47 PM

    Salut Christina

    Du sprichst mir aus dem Herzen. Ein wundervoller Abschluss hast du mit dem Satz gewählt: "Wir sollten beginnen, unsere Emotionen als wohlwollende Wegweiser zu sehen und ihnen zu vertrauen!"

    Unsere Gefühle sind tatsächlich Wegweiser. Wir wollen Glücksgefühle und Freude spüren, aber Wut, Trauer und Angstgefühle vermeiden wir wie der Teufel. Dabei zeigen sie dir auf was nicht stimmt. Vielleicht sogar wo du dich selbst einschränkst und dich in deinem Leben behinderst. Gegen die Gefühle anzukämpfen wäre meiner Ansicht nach fatal.

    Herzlichen Gruss
    Markus

  8. Christina Wenz:
    May 12, 2016 at 05:53 PM

    Hallo Markus, herzlichen Dank für Deinen Kommentar und das tolle Kompliment! Ich habe mich sehr darüber gefreut! Danke auch für Deine wertvollen ergänzenden Worte! :-) Mit den besten Wünschen, Christina

  9. Lucie P.:
    Jun 10, 2016 at 08:31 PM

    Hallo Christina,
    ich bin auf dieser Seite gelandet, da ich Angst habe, Angst habe, da ich nicht wütend bin. Mir ist übel mitgespielt worden und statt Wut zu empfinden bin ich einfach nur wie gelähmt. Ich war früher jähzornig und so auch oft ungerecht. Über die Jahre habe ich mir diesen mühselig abtrainiert. So effektiv, dass ich tatsächlich länger in Situationen verbleibe wie mir gut tun. Ich hole so weit aus, da ich mit meiner Erfahrung deinen Artikel unterstreichen möchte. Es ist wahr. Man soll auch seine negativen Gefühle leben, sonst sind sie, wie bei mir, plötzlich weg. Abgeschnitten. Höchstens noch im Ansatz auf sich selbst...total verrückt und wenig hilfreich...Viele Grüße Lucie

  10. Christina Wenz:
    Jun 10, 2016 at 09:06 PM

    Liebe Lucie, ich danke Dir von Herzen für Deinen wertvollen Kommentar und Deine Offenheit! Wie schön, dass Du auf meine Seite gefunden hast! Ich glaube, es geht vielen von uns so, dass wir die Tendenz haben, die angeblich "negativen" Gefühle weg haben zu wollen. Dabei haben auch sie uns viel wertvolles zu sagen und sind gute Wegweiser! Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du Stück für Stück wieder Zugang zu Deinen Gefühlen findest. Ganz liebe Grüße, Christina


Kommentar schreiben

Erlaubte Tags: <b><i><br>

15 Tipps wie Sie künftig entspannter streiten

Melden Sie sich zu meinem Newsletter an und erhalten Sie ca. einmal im Monat Tipps, Inspirationen und Angebote zu den Themen Konflikte, Kommunikation und Mediation. Selbstverständlich können Sie sich jederzeit mit nur einem Klick von diesem Newsletter wieder abmelden.

Bei mir sind Ihre Daten sicher. Weitere Informationen finden Sie in der Datenschutzerklärung

Wer schreibt hier?

Mediation Christina Wenz

Christina Wenz ist Mediatorin, Konfliktcoach und Juristin. Nach langjähriger Tätigkeit im Notariat und in Führungspositionen an Universitäten ist sie in eigener Mediationskanzlei tätig. Sie hilft ihren Kunden dabei, sich aus schwierigen Konfliktsituationen zu befreien und damit wieder mehr Wohlbefinden und ein entspannteres Leben zu erlangen. Neben Mediation in der Familie und der Mediation in der Arbeitswelt ist ihr besonderes Steckenpferd die Mediation bei Streitfällen rund ums Tier.

Bekannt aus

Der Hund

Der Hund

Der Hund

Der Hund

Der Hund

Der Hund

Der Hund

Der Hund