Streit beim Gassigehen - oder auch: Leben wir in einer Fluchtgesellschaft?

Streit beim Gassigehen - oder auch: Leben wir in einer Fluchtgesellschaft?

Heute möchte ich mal wieder über ein tierisches Thema schreiben :-). Als Mediatorin bin ich natürlich besonders hellhörig für Konflikte - auch dann, wenn ich privat in den sozialen Medien unterwegs bin. 

Bei Facebook bin ich Mitglied in einer sehr netten kleinen aber feinen Gruppe für Hundehalter. Es findet dort ein sehr wertschätzender und netter Austausch - nicht nur über die Hunde- statt. Und wenn gerade mal jemand Sorgen und Kummer rund um den Hund hat, so kann er dort sein Herz ausschütten.

In letzter Zeit sind mir einige Geschichten aufgefallen, die Hundehalter auf ihren Gassigängen so erlebt haben und die mich angeregt haben, diesen Beitrag zu verfassen. 

Bei einem dieser "Fälle" ging eine Dame mit ihrer sehr freundlichen Hündin spazieren - wohlgemerkt an der Leine. Plötzlich kam ein sehr großer Hund ohne Leine angerannt, der nicht auf das Rufen seines Herrchens hörte. Er sprang in seinem Übermut ohne zu zögern der freundlichen Hündin so heftig auf den Rücken, dass diese schreiend und winselnd auf den Boden fiel und auch voller Schmerzen liegen blieb.

Das an sich ist ja schon sehr unschön, aber das erstaunlichste der Geschichte kommt nun: Ohne nach dem winselnden Hund und der verzweifelten Besitzerin zu schauen, packte das Herrchen seinen Hund und haute ab. Das Frauchen blieb völlig geschockt mit seinem Hund, der noch immer nicht aufstehen konnte, zurück. 

Dann aber nahm die Geschichte eine für den Leser zufriedenstellende Wendung: Es kam nämlich ein Bauer in seinem Traktor vorbeigefahren, der die Szene beobachtet hatte, und wie der Zufall so spielte, wusste er, wer der Mann war und konnte der Dame Namen und Adresse des "Täters" nennen. Netterweise fuhr der Landwirt dann auch noch den stark humpelnden Hund und das Frauchen nach Hause. 

Die Dame war verständlicherweise sehr wutentbrannt und rief die Polizei, die dann auch am gleichen Nachmittag den "Übeltäter" aufsuchte. Dieser stand dann wenige Stunden später weinend mit Blumen und Leckerlies vor der Haustür des "Opfers" um sich zu entschuldigen und sich nach dem Befinden der Hündin zu erkundigen. Er sei geflohen, da er Angst gehabt habe, es würde großen Ärger geben und weil er befürchtet habe, man würde ihm den Hund abnehmen oder sonstige Sanktionen, wie das künftge Tragen eines Maulkorbs, auferlegen.

Netterweise war die Halterin der Hündin bereit, auf eine Anzeige zu verzichten und die Geschichte löste sich in Wohlgefallen auf. Der Hündin geht es zum Glück wieder sehr gut!

In den folgenden Tagen las ich dann weitere Geschichten wie z.B. die von einer Dame, die beim Gassigehen von einem Fahrradfahrer angefahren wurde - so heftig, dass sie umfiel. Das Traurige an der Geschichte war auch hier: Der Fahrradfahrer fuhr weiter ohne sich nur einmal umzudrehen. Ich könnte an dieser Stelle noch viele weitere Geschichten erzählen - allen gemeinsam die Flucht des "Täters".

Aber warum flüchten Menschen in solchen Situationen? Ist es wie im ersten Fall, die Angst vor Konsequenzen? Ist es Desinteresse oder ist es die mangelnde Kenntnis von Alternativen? Ich weiß es nicht, ich denke aber, dass dieses "Fluchtphänomen" nicht nur im Bereich der Tierhaltung, sondern in allen Bereichen des menschlichen Zusammenseins auftritt. Vielleicht ist es auch ein natürlicher Reflex, dass man im Schock erst einmal flüchten möchte. 

Ich möchte diese Geschichten zum Anlass nehmen, Alternativen aufzuzeigen und Hilfestellung zu geben, wie man sich anders verhalten kann, was man tun kann, um in diesen emotionsgeladenen Situationen die Wogen zu glätten und zu seiner Verantwortung zu stehen:

Was also kann ich tun, wenn mir so etwas passiert - wenn mein Hund einem Menschen oder einem Hund einen Schrecken versetzt oder sogar jemanden verletzt? Die meisten der Tipps gelten natürlich nicht nur in "Hundefällen", sondern auch in allen anderen Fällen, in denen jemand durch andere zu Schaden kommt. 

1. Flucht ist keine Lösung: Auch wenn Sie Angst vor den Konsequenzen haben, laufen Sie bitte nicht weg und stellen Sie sich der Situation. Wie im Fall mit der verletzten Hündin gesehen, kann es gut sein, dass man ihre Identität herausfindet und dann ist der Ärger gleich doppelt groß - abgesehen davon natürlich, dass man die Verantwortung für das eigene Verhalten und das des Hundes immer übernehmen sollte!

2. Erkundigen Sie sich bitte immer sofort nach dem Wohlergehen des verletzten Menschen oder Tieres. Bieten Sie Ihre Hilfe an und bleiben Sie am "Unfallort" bis definitiv alle Unklarheiten geklärt sind!

3. Wie auch wieder der Fall mit der verletzen Hündin gezeigt hat: Entschuldigungen wirken oft Wunder, selbst wenn die Situation schon verfahren ist! Mir ist es auch schon passiert, dass mein großer schwarzer Hund einen Jogger angesprungen ist. Mir war das unendlich peinlich und unangenehm, aber auf eine aufrichtige Entschuldigung meinerseits kam dann eine sehr nette und versöhnliche Reaktion des Joggers.

4. Achten Sie bitte immer darauf, dass Ihr Hund eine gültige Haftpflichtversicherung hat, damit den Geschädigten auch der Schaden ersetzt werden kann. 

5. Versuchen Sie ruhig und verständnisvoll zu bleiben, auch wenn das Gegenüber hektisch wird und schreit. Bitte vergessen Sie nicht, der Andere ist durch Sie und Ihren Hund in eine Lage geraten, in der er aus Sorge oder aus Schock möglicherweise erst einmal sehr unfreundlich reagiert. 

6. Was aber tun, wenn die Situation nun doch aus dem Ruder gerät und es zum Streit kommt? Versuchen Sie bitte von Ihrer Seite aus in der Akutsituation die Eskalation unbedingt zu vermeiden. Ich empfehle immer, mit ein paar Tagen Abstand nochmal das Gespräch mit dem Gegenüber zu suchen. Falls Sie hierfür Hilfestellung brauchen, lege ich Ihnen meine 15 /blog/2018/05/15/meine-15-tipps-fuer-entspannteres-streiten/Tipps für entspannteres Streiten ans Herz. Machen Sie den Schritt auf den Anderen zu und bitten Sie um ein Gespräch, das hilft in vielen Fällen dann doch, ein Gerichtsverfahren zu vermeiden. In vielen Streitsituationen lockern sich die Fronten schon auf, wenn der Andere im Gespräch merkt, dass Ihnen die Situation aufrichtig leid tut! Lassen Sie sich etwas einfallen wie der Herr in unserer Geschichte: Bringen Sie Blumen, Pralinen oder ggfs. eine kleine Aufmunterung für den Patienten - egal ob zwei - oder vierbeinig- mit. 

Wenn Sie diese Tipps lesen, denken Sie vielleicht : "Warum muss man das auflisten, das ist doch eh alles klar!" - Ich weiß, all diese Punkte klingen für den verantwortungsbewussten Hundehalter auf den ersten Blick sehr banal, aber leider sieht die Realität dann doch erschreckend oft anders aus, wie ich festgestellt habe.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Konflikten beim Gassigehen gemacht? Übernehmen die Menschen die Verantwortung oder flüchten sie? Und welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich in anderen Bereichen, z.B. im Autoverkehr, gemacht? Über Ihre Anregungen und Kommentare freue ich mich wie immer sehr! :-)

Herzlichst,

Ihre Christina Wenz

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Kommentare (6)

  1. Nina Rechmann:
    Jun 24, 2016 at 06:34 AM

    Liebe Christiane,
    Deine Konflikte zwischen Hunden, genauso wie Konflikte zwischen Hundebesitzern sind beide etwas sehr menschliches und in unserer Gesellschaft nicht untypisches...

    Unsere Hündin zickt leider gelegentlich mit anderen Weibchen, so dass meine Tochter sie zumeist sehr streng, oftmals mit "Halti" sofort an die Leine nimmt, wenn potentielle Konfliktpartner (Hunde) beim Spaziergang auftauchen.

    Leider reagieren die anderen Hundebesitzer dann oft nicht so, wie es zu erwarten wäre, wenn Ihnen ein "Problem-Hund" begegnet. Regelmäßig wird meine Tochter belehrt, wie auch immer sie sich richtig zu verhalten habe und wie man den Hund erziehen könne... Nichts desto trotz lassen die Leute, obwohl meine Tochter sie ausdrücklich darum bittet, den Hund anzuleinen, ihre Hunde weiterhin frei laufen, so dass unsere Hündin natürlich völlig ausrastet. Einige dieser Konflikte, wenn nicht die meisten, würden sich vermeiden lassen, wenn die anderen Hundebesitzer den Wunsch, ihre Hunde kurz anzuleinen oder zur Seite zu nehmen entsprächen!

    Man merkt auch den Unterschied der Konfliktbewältigung jenisch Typ, Alter und Erfahrung:

    Ich gehe meist eher in die Konfrontation, lasse meine Hündin kurz zicken, denn in der Regel schließt sich daran das Spiel mit der anderen Hündin an...

    Schöne Tag & ganz liebe Grüße
    Nina

  2. Christina Wenz:
    Jun 24, 2016 at 08:41 AM

    Liebe Nina, herzlichen Dank für Deinen Kommentar, ich habe mich sehr darüber gefreut! Oh, das Belehren und das "Trotzdem-Laufen-Lassen", das sind auch so kritische Themen, da sprichst Du was Wahres an. Als mein "Toni" mit 15 schon sehr alt und gebrechlich war, fand ich das besonders schlimm, wenn die Hunde einfach anstürmen durften. Am Besten sagt man wahrscheinlich, dass der Hund eine ansteckende Krankheit hat ;-). "Bela" ist ja noch ganz jung, da freue ich mich immer über Hundekontakte, aber ich checke auch immer vorher ab, wer das Gegenüber ist. Ist wirklich ein spannendes und konfliktreiches Thema! Ganz liebe Grüße auch an Deine Tochter und an Paula, Christina

  3. Nina:
    Jun 24, 2016 at 09:01 AM

    Sorry Christina,
    die Autokorrektur hat schon wieder Deinen Namen verunstaltet und ich habe es am Handy heute morgen übersehen!
    Mein Bruder wird immer zur "Christianisierung" statt Christian - Ich weiß auch nicht, wer das programmiert hat?!

    Die Grüße gebe ich weiter!

    Schönen Tag
    Nina

  4. Christina Wenz:
    Jun 24, 2016 at 09:03 AM

    Kein Problem, liebe Sabine, ich stehe auch im ständigen Kampf mit der Autokorrektur :-)

  5. Gwynnefer Sylvia Kinne:
    Jul 04, 2016 at 09:47 PM

    Liebe Christina,

    mit Flucht habe ich in der Form keine Erfahrungen.
    Bei mir ist es ehr so, dass mich die Leute anpöbeln warum der Hund auf der Wiese oder auch auf dem Getreidefeld ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob meine Süße an der leine ist oder nicht.

    Es gab vor Jahren auch vergiftete Hundeleckerlis und es waren sechs Hunde verstorben. Das kann ich vermehrt beobachten. An dem Punkt fühle ich mich sehr hilflos, da meine Labradorhündin sehr verfressen ist.

    Vielen Dank für deinen Beitrag!
    Gwynnefer

  6. Christina Wenz:
    Jul 05, 2016 at 02:47 PM

    Liebe Gwynnefer, herzlichen Dank für Deinen Kommentar, ich habe mich sehr darüber gefreut! Dass man sogar angepöbelt wird, wenn der Hund an der Leine ist, das ist natürlich wüst! Bei uns ist auch gerade wieder eine Giftköderwelle im Gange, das finde ich auch sehr beunruhigend! :-( Ich habe auch den Eindruck, dass das vermehrt vorkommt...keine gute Entwicklung! Ganz liebe Grüße, Christina


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Wer schreibt hier?

Mediation Christina Wenz

Christina Wenz ist Mediatorin, Konfliktcoach und Juristin. Nach langjähriger Tätigkeit im Notariat und in Führungspositionen an Universitäten ist sie in eigener Mediationskanzlei tätig. Sie hilft ihren Kunden dabei, sich aus schwierigen Konfliktsituationen zu befreien und damit wieder mehr Wohlbefinden und ein entspannteres Leben zu erlangen. Neben Mediation in der Familie und der Mediation in der Arbeitswelt ist ihr besonderes Steckenpferd die Mediation bei Streitfällen rund ums Tier.

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